THOUGHTS | Der Drang nach dem Perfekt-Sein

Ich mache mehrmals die Woche Sport um ein besseres Körpergefühl, einen flacheren Bauch, zu bekommen. Mein Freund lacht mich aus, weil mein Bauch eigentlich schon flach ist. Aber ich möchte gern trainierter aussehen. Meine Haare sind immer ein Grauen, ich überlege, ob ich sie wieder etwas blonder färbe. Und wenn meine Haut mal wieder schlechter wird, benutze ich zig Gesichtspflegeprodukte, in der Hoffnung, dass irgendetwas davon hilft. Selbst meine simplen Unilooks sind immer modisch und perfekt aufeinander abgestimmt. Ist das noch gesund? Dieser Drang nach dem Perfekt-Sein? Diese ständige Selbstoptimierung?

In der Schulzeit war ich eher ein Mauerblümchen. Ich glaube nicht, dass ich richtig schlecht aussah, aber ich war ein Spätentwickler und hatte auch selbst wenig Interesse an den Jungs aus meiner Schule, sodass ich nie richtig aufgefallen bin.

„Sport ist Mord“ war jahrelang mein Motto. Ich habe den Schulsport immer gehasst und war froh, wenn ich Gründe hatte nicht am Unterricht teilzunehmen. Obwohl ich immer schlank war und eigentlich auch gar nicht so unbeweglich, wurde ich meist als letzte ins Team gewählt. Lehrer gaben mir meist 3en in Sport und spätestens nach der 4. Klasse war ich überzeugt, dass ich vollkommen unsportlich bin. Zwar habe ich in meinem Leben immer wieder Sportvereine besucht und wage auch zu behaupten, dass ich einige Sportarten wirklich gut beherrsche, dennoch habe ich sogar heute noch teilweise dieses Bild von mir.

In der siebten Klasse zerstritt ich mich mit meiner damals „besten Freundin“. Meine Freundin war das Gegenteil von mir und trug schon damals ein stolzes B-Körbchen mit sich durch die Gegend, was den Jungs aus meiner Klasse natürlich auch nicht verborgen geblieben war. Im Gegensatz zu mir hatte sie außerdem schon reges Interesse am anderen Geschlecht. Nachdem wir uns stritten, begann sie mich in der gesamten Klasse schlecht zu machen und über mich zu lästern. Ich hatte keine Lust mehr zur Schule zu gehen und wollte, wenn ich dort war, möglichst schnell nach Hause. Das ging soweit, dass ich mich selbst verletzte um einen Grund zu haben heim zu können – es war wohl die traurigste Zeit meines Lebens. Jeden Tag wurde mir gesagt, dass ich blöd und hässlich bin. Irgendwann begann ich das zu glauben. Dass ich eine Brille trug, mit der ich nie glücklich gewesen war, tat sein Übriges. Ich mochte mich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen und noch schlimmer als mein Gesicht war mein pubertierender Körper, der nicht mehr als ein Strich in der Landschaft war. Ich wünschte mir endlich ein A-Körbchen zu füllen, aber so weit war ich lange nicht. Nachdem meine Eltern nach einem langen halben Jahr die Eltern meiner Freundin anriefen, vertrug ich mich wieder mit ihr und mit diesem Tag endeten auch die Hänseleien schlagartig.

Etwa zwei Jahre später begann ich mich dann auch für Jungs zu interessieren und diese, zu meiner Überraschung, auch für mich. Mein Selbstbewusstsein steigerte sich schlagartig, doch in meinem Körper fühlte ich mich immer noch unwohl. Ich hatte Bilder von Models gesehen und war mir sicher, dass jeder Junge meine Brüste als viel zu klein empfinden würde. Wenn ich mit einem schlief, war es mir lieber, meinen BH anzubehalten. Es dauerte tatsächlich bis ich 20 war, dass ich cool mit meinem Körper wurde und das, obwohl mich Freundinnen häufig um meine schlanke Figur beneideten. Auf der andere Seite bekam ich aber auch oft Sprüche von wegen „Du bist zu dünn“ gedrückt.

Und heute klicke ich jeden Tag auf Instagram und schaue mir diese perfekten Mädchen an. Ich möchte auch so perfekt sein. Ich möchte, dass den Menschen, die mich damals hässlich nannten, die Spucke weg bleibt, wenn sie mich sehen. „Für mich bist du perfekt!“, sagte mein Freund zu mir, als ich ihm von meiner Artikelidee erzählte. Und irgendwie reicht mir das vielleicht ein kleines bisschen aus.

xoxo Ruth
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4 Comments

  • Wow toller Artikel Süße. Ich finds sehr mutig wie ehrlich du bist und das du dich traust auf deinem Blog dieses Thema, was dich ja bis heute noch sehr beschäftigt, ansprichst. Ich kann und will mir gar nicht vorstellen, wie schlimm das für dich gewesen sein muss. Kinder können echt grausam sein.

    Aber hey, lass dich von deiner Vergangenheit nicht mehr bestimmen. Und vor allem versuche nicht allen Anderen etwas zu beweisen. Sei du selbst, sei so wie du gerne sein möchtest und so wie dich deine Freunde und deine Familie kennen und lieben. Kein Mensch ist perfekt und wird es auch niemals sein. Und mit Sicherheit haben auch die schönsten Mädels mit den perfektesten Körper Probleme und Ängste, die einfach nur nicht auf ihrem Profil ersichtlich werden, weil Instagram nun mal eher einer Scheinwelt entspricht und sich jeder von seiner vorteilhaftesten Seite zeigt. Und glaub mir, es gibt mit Sicherheit schon einige aus deiner Vergangenheit, denen heute die Spucke wegbleibt!

    Kuss Ruth
    http://cosmofashiontan.com

  • Ganz starker Artikel! Wie COSMOFASHIONTAN sagt, es ist sehr mutig, das anzusprechen. Es gibt sehr viele, denen es in der Schulzeit nicht gut ging. Da zähl ich mich auch dazu und ich denke immer mehr, dass die Pubertät eine wirklich schwierige Phase ist. Bin froh, jetzt älter zu sein :D Deinen letzten Gedanken, der mit dem Wegbleiben der Spucke gefällt mir besonders gut. Das ist für mich eine der größten Motivatoren, wenns zum Sport geht.
    Schön, dass du einen Freund gefunden hast, der dich so liebt wie du bist! Diese Jungs sind Gold wert, ich zähl meinen da auch dazu und bin so glücklich darüber :)

  • Liebe Ruth,

    auch ich finde den Artikel sehr mutig. Schulsport haben wir wohl alle gehasst, es sei denn, wir gehörten eben zu jenen, die zuerst in Mannschaften gewählt wurden. Ich für mich habe einen guten Mittelweg gefunden. Ich mache regelmäßig Sport, esse aber auch sehr gerne ;-) Und deswegen werde ich nie einen richtig flachen Bauch haben, nie richtig dünne Oberschenkel. Weil das auch einfach nicht mein Körperbau ist. Ich bin nicht dick, aber auch nicht 90-60-90. Muss ich aber auch nicht. Man ist nämlich nicht beliebter, nur weil man in Kleidergröße XY passt. Und die ganzen Instagrambilder sind ja auch inzwischen bearbeitet oder zumindest mit ausgesprochen gutem Licht fotografiert. Die Mehrheit der Frauen sieht nicht so aus. Und ist dennoch attraktiv.

    Viele Grüße
    Conny

  • Ich finde diesen Post phänomenal grandios. Super, dass du deine Zweifel und Ängste mit uns teilst – das ist wirklich stark von dir.
    Ich glaube in der Schule hatte jeder mal eine schlechte Phase, bei dir hört es sich allerdings um einiges härter an. Schrecklich, dass selbst Kinder so fies sein können.
    Ich find dich super, so wie du bist. Man muss nicht perfekt sein. Niemand ist perfekt ;) Kleine Makel machen einen liebenswerter. Hauptsache ist doch, dass dein engerer Unkreis dich so liebt, wie du bist. Der Rest ist egal. Ernsthaft.

    Du bist super Ruth :*
    Liebste Grüße, Josie

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