THOUGHTS | Allein Sein

Es war mir alles zuviel geworden. Am nächsten Tag sollte ich eine Prüfung schreiben, ich war seit Tagen am Lernen und dann noch mein Job und der ganze Stress… Ich zog mir meine Regenkapuze ein wenig fester über den Kopf. Der Boden, auf dem ich in meinen roten Gummistiefeln lief, war schon total matschig, aber heute war mir das nicht wichtig. Vor etwa einer halben Stunde war ich aus dem Bus gestiegen, irgendwo im nirgendwo. Ich hatte nicht den Namen der Station, an der ich ausstieg, gewusst und nicht wohin ich kommen würde, wenn ich von dort losliefe. Bis zur Endstation war ich gefahren, weil ich mal raus musste. In der Nähe der Bushaltestelle begann ein kleiner Waldweg und der Nieselregen plätscherte unaufhörlich auf mich ein. Auf gut Glück war ich in den Wald hineinmarschiert und mittlerweile wusste ich überhaupt nicht mehr, wo ich war. Einige Male waren mir Spaziergänger begegnet, die ihren Hund ausführen mussten, aber sonst war es, abgesehen vom andauernden Regen, still. Langsam wurde mir ein wenig kalt, aber darauf achtete ich nicht. Ich wusste nicht einmal, was ich eigentlich suchte, doch ich lief einfach weiter. Und dann passierte es: Plötzlich stand ich auf dieser Lichtung und sah den kleinen See vor mir liegen. Das Wasser war glatt, nur die kleinen Tropfen schlugen regelmäßig Kuhlen in den klaren Spiegel. Der Regen, der über dem Teich vom Himmel herunterkam, verursachte ein ganz besonderes Glitzern in der Luft. In dem dichten Schilf schwamm ein Entenpaar mit seinen Küken. Die Enten quakten nicht, es war einfach ruhig. Ein magischer Moment. Ich blieb stehen und stellte meinen kleinen blauen Rucksack auf einem Stein ab, dann setzte ich mich auf die nasse Erde und schaute einfach zu. Manchmal hörte ich einen Kuckuck, sonst blieb es die ganze Zeit still. Obwohl ich mein Smartphone dabei hatte, holte ich es nicht heraus. Ich schloss die Augen um mir diesen Moment, diese Situation für immer einzuprägen, machte kein Photo, denn das hätte niemals aussagen können, wie schön es war.

Nachdem ich mit Sicherheit zehn Minuten dort saß, stand ich auf, klopfte die Erde von meiner Kleidung und suchte den Weg zurück. Ich fand eine Bahnstation, setzte mich in die Bahn und fuhr zu meinen Eltern, wo meine Mutter mich direkt in den Arm nahm. An diesem Abend lernte ich nicht mehr.

Manchmal brauche ich einfach Stille, Ruhe und ein wenig Allein-Sein ohne Einsamkeit. Abstand von der hektischen Welt, in der alles „sofort“ sein muss. Ich bin gern allein. Nicht immer, aber ab und zu brauche ich es. Meine Klausur schrieb ich mit 1,3, und während ich sie schrieb, hatte ich mehrmals die Augen geschlossen und an den einen, meinen Moment gedacht.

xoxo Ruth

8 Comments

  • Ich kann dich so gut verstehen. Bei mir im Leben rennt gerade ALLES schief, wirklich alles. Ich denk pausenlos darüber nach, eine Tasche zu packen und einfach zu gehen. Durch den Wald laufen und sehen wohin ich komme. Andererseits hab ich Angst davor, aber im Moment will ich einfach allein sein und wieder zu mir finden. Und wenn ich zuhause alleine bin, fühl ich mich einfach nicht mehr wohl, wenn ich von all dem umgeben bin, was mir so viele Sorgen macht. Vielleicht sollte ich einfach losgehen und sehen wohin es mich führt.. Danke für den Post, sowas hab ich gerade echt gebraucht :) lg

    • Liebe Cathy, ich drücke dir die Daumen, dass es dir bald besser geht! Und ja, vielleicht solltest du auch einfach mal raus. Allein kann man am besten darüber nachdenken, dass man selbst sich eigentlich genug ist/sein sollte. Und wenn es nur für eine Stunde ist! Gute Besserung :)

  • Ich habe keinen beruflichen oder schulischen Stress, mache mir aber trotzdem welchen. Irgendwann vor ein paar Wochen musste ich raus, einfach weg, so wie du es auch beschrieben hast. Einfach raus in die Natur. Wir haben in der Nähe einen See, an den ich mich setzte. Ich behielt mein Handy zu hause, hatte keine Uhr mit, hatte nur mich, das Wasser des Sees und die vielen kleinen Wasserhüpfer. In einem Moment dachte ich „hättest du nun deine Kamera mitgenommen“.. Nach diesem Gedanken hatte ich ein schlechtes Gefühl im Bauch, so als ob ich etwas falsch gemacht hätte, ich konnte niemanden zeigen wie wundervoll dieser Moment war, ich konnte nicht beweisen, das ich tatsächlich auch mal nach draußen ging. Wenn wir was essen machen wir Bilder davon, wenn wir sportlich aktiv sind gibt es ein Bild davon, wenn wir mit Freunden Eis essen gibt es ein Bild davon. Klar bei einigen Momenten ist es schön Bilder davon zu haben, als Erinnerung. Als mir das bewusst wurde, dass dieser Moment, den ich nur für mich hatte nur mir alleine gehört bereute ich es nicht meine Kamera zu hause gelassen zu haben. Leider nehme ich mir zu wenig Zeit für mich. Ich muss mich regelrecht zwingen mal einen Beautytag zu machen oder einfach mal wieder raus zu gehen.

  • Das klingt so so schön! Ich freue mich, dass du die Arbeit so gut gemeistert hast. Ich kann mir diesen Moment so gut vorstellen. Ich liebe es genauso, Zeit alleine zu verbringen. Deshalb kann ich deine Gedanken gut nachvollziehen. Ein sehr schöner Post <3

  • OMG! Wow! Der Text ist wirklich wundervoll. Ich hatte das Gefühl ich lese ein Buch und ich würde gerne noch weiter lesen :) Eine echt schöne Wortwahl und Ausdrucksweise.
    Liebe Grüße ♥

  • Kann ich voll und ganz nachempfinden! Schon lange nicht mehr gemacht, aber ich weiß, dass es Wunder bewirken kann! Einfach mal komplett abschalten! Das find ich geht vor allem in der freien Natur am Besten! Mach ich auch öfter, wenns mir mal nicht so gut geht. Dann kann man den Kopf frei bekommen oder mal in sich gehen. Beides davon tut total gut! Ich bin auch jemand, der gerne mal alleine ist. Wirklich ein schöner Text! Glückwunsch auch zur guten Note ;-)

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