THOUGHTS | Ihr wollt keine Blogger sein!

Ich blogge seit 7 Jahren, damals fing ich ohne größere Intention einfach an dieses Online-Tagebuch zu schreiben. Nach kurzer Zeit wurden Menschen auf meinen Blog aufmerksam und begannen ihn zu lesen und zu kommentieren. So kam ich auf die Idee, dass meine Worte und Bilder eventuell Inspiration für andere sein könnten. Ich hatte immer viel Freude daran diesen Blog zu schreiben und habe selbst nicht mehr gemerkt, dass ich viel zu verbissen geworden bin.

Ich wollte „strawberry pie“ professionell aufziehen und eventuell davon leben können. Und eines Morgens wachte ich dann auf, hatte mehrere tausend Euro Umsatz den Monat zuvor gemacht und merkte, was mit mir passiert war. Ich hatte eine Designer-Tasche im Schrank stehen, die mir finanziell nicht einmal weh tat, lachte laut über die schlechten Witze von PR-Damen und Bloggerkolleginnen und konnte mich selbst nicht mehr leiden. Ich umgab mich mit Menschen, hinter deren Rücken ich schlecht sprach, weil ich sie eigentlich nicht mochte. Mein ganzes Leben war ich immer ehrlich gewesen und hatte mir nichts sagen lassen und dann stand ich da mit einem Sekt in der Hand, mit Leuten, die so gar nicht auf meiner Welle schwammen und fühlte mich nicht einmal unwohl.

Was dann passierte und wie ich mich aus der ganzen Scheinwelt befreite, habe ich hier und hier berichtet. Doch in letzter Zeit lese ich immer wieder von Menschen, die gerne „Blogger“ wären. Denn Blogger kriegen alles in den Arsch geschoben und haben ein feines Leben. Mal ganz davon abgesehen, dass Texte schreiben, Mails beantworten und Instagram up-to-date halten auch Arbeit ist, wollt ihr keine Blogger sein. Ich bin nur ein kleiner Blogger, der irgendwann mal eine Leidenschaft hatte, aber ich habe eine Menge Kontakte, ganz einfach, weil ich schon sehr lange im Game bin. Und ich habe schon etliche Bloggerfreundschaften geschlossen und wieder aufgelöst, denn ich habe gemerkt, dass ich oftmals nur Mittel zum Zweck war. „Kannst du mir noch eben diesen oder jenen Kontakt schicken?“ – Natürlich, immer gerne. Aber wenn der betreffende Blogger sich irgendwann nur noch meldet, weil er etwas will, dann weiß man schnell woran man ist. Ich hatte tatsächlich einige oberflächliche Bekanntschaften, die hauptsächlich auf Informationsaustausch beruhten, aber da war das von vornerein klar und es entstand keine vorgegaukelte Freundschaft. Man darf davon ausgehen, dass im Leben einer großen Bloggerin so gut wie gar keine Freundschaft mehr echt ist. Es gibt zwar immer Ausnahmen, aber 95% ist Business a la „Es macht sich gut, wenn ich mit Bloggerin XX auf einem Foto bin.“ Wenn man dann noch davon ausgeht, dass ein großer Blogger etwa 300 Tage im Jahr auf Reisen ist, muss man annehmen (und das weiß ich auch von einigen großen Bloggern), dass es nahezu unmöglich wird alte Freundschaften zu pflegen. Die einzigen sozialen Kontakte bleiben also weitere Blogger (oben genannte Fake-Freundschaften) und die eigene Familie.

Und jetzt seid mal ehrlich: Würdet ihr tauschen wollen? Würdet ihr wirklich einen Job wollen, bei dem man nie weiß, wer es mit einem ernst meint? Bei dem man nur etwas ist, wenn man eine Designertasche vor sich her trägt? Ich nicht. Meine Familie und Freunde sind zu wertvoll um für einen Beruf vernachlässigt zu werden. Ich will den Leuten in die Augen schauen und wissen, woran ich bei ihnen bin. Wissen, dass sie mir auch zur Seite stehen, wenn es mir schlecht geht. Materielles ist immer Kompensation, man sagt nicht umsonst, dass die Männer mit dem kleinsten Schwanz das größte Auto fahren. Ich will nicht kompensieren, weil ich nicht will, dass ich überhaupt kompensieren muss.

Aus genau diesen Gründen ist hier aktuell wenig los und ich blogge nur, wenn ich Lust darauf habe. Und das wird auch erstmal so bleiben. Denn ich will keiner „dieser Blogger“ sein. Niemals. Aus eigener Erfahrung, weil ich weiß, wie schnell man abhebt.

xoxo Ruth
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6 Comments

  • Hm, ich bin mir sicher, dass es bei einigen so abläuft und viele zu verbissen werden. Ich bewege mich aber seit kurzer Zeit in der Reiseblogger Branche und muss sagen, dass man vermutlich seltsam angeschaut würde, hätte man eine Designer-Tasche dabei :D Hier sind die Meisten eher minimalistisch unterwegs und Materialismus ungefähr der größte Feind der Meisten von uns. Auch wenn ich noch nicht annähernd so viel Erfahrung habe wie du, habe ich doch das Gefühl, dass viele Reiseblogger genau auf meiner Wellenlänge sind. Eben weil man bereits zwei Gemeinsamkeiten hat: Reisen & Bloggen. Die Blogger-Freundschaften also pauschal als „Fake“ zu betiteln und generell zu sagen: „Ihr wollt keine Blogger sein“ finde ich also etwas gewagt formuliert.

    • Liebe Christina,
      das glaube ich gern.
      Mein Artikel bezieht sich auch vor allem auf die Fashion- und Lifestylebloggerbranche :)
      Liebe Grüße
      Ruth

  • Toller Artikel!
    Sehr selbstreflektiert und etspricht genau dem, warum ich keine „Bloggerin“ werden will. Nicht als Beruf. Ab und an mal, wenn ich Lust darauf habe, ja! Aber richtig als Job: Niemals!
    LG Scarlet

  • Hey :)
    Ich flitze auch schon seit Jahren in der Bloggerwelt herum (vorher mit anderem Blog), aber ohne damit je Geld zu verdienen oder verdienen zu wollen. Ich lebe zwar in meinem Hauptjob auch vom Texten, aber kreativer und zufriedener mit mir selbst bin ich doch da, wo ich frei schreiben kann, ohne Auftraggeber und den Gedanken, meine Worte in Geld umwandeln zu „müssen“. Aber so ist das wohl mit allem, was irgendwie in eine künstlerische Richtung geht. Es gelingt am besten, wenn man frei ist, aber leben muss man dennoch von irgendwas. Und ich persönlich kann eben am besten schreiben und wüsste nicht, was ich sonst beruflich machen sollte…
    Jedenfalls lese ich am liebsten Blogs, die authentisch und unabhängig sind. Und mit den Menschen dahinter habe ich teilweise wirklich enge Freundschaften entwickeln können. :)
    Alles Liebe,
    Lucia

  • Sehr schöner Text. Ich blogge auch aus Lust und Laune. Es ist mein Hobby, soll auch genau das bleiben. Aber ja, ich sehe die ganzen „Traumberuf: Blogger“-Menschen auch jeden Tag und frage mich immer, ob sie sich jemals damit auseinandergesetzt haben, was das wirklich bedeutet?

    Liebe Grüße,
    Klaudia

  • Schöner Beitrag Ruth.
    In meinem Jahresrückblick im Dezember habe ich auch davon berichtet, wie enttäuscht ich war, als ich zwei Bloggerinnen getroffen habe, denen ich schon sehr lange folge. Ich hatte mir ein interessantes Gespräch erhofft, wurde jedoch (unterschwellig) nur für bestimmte Produkte angeworben. Ich frage mich, ob die dafür auch bezahlt wurden…

    Ich will das auch gar nicht Verallgemeinern aber im Grunde habe ich mich noch nie auf Bloggerevents wohl gefühlt. Alles wirkt immer so gekünstelt. Bevor man sich ordentlich mit dir unterhält, wird erst einmal gecheckt wie viele Follower du hast. Man muss ja wissen, ob man durch dich noch an Reichweite gewinnen kann oder nicht.. Man fühlt sich einfach unfassbar ‚wertlos‘ & da war mir auch klar, dass ich das nie nie nie niemals hauptberuflich machen könnte. Da bleibe ich dann doch lieber Grundschullehrerin..

    x
    http://www.dontbearunaway.com

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