THOUGHTS | Das kranke Kaninchen

Vor kurzer Zeit wollte ich zwei Pakete mit Kleidung, die ich verkauft hatte, zur Post bringen. Beinahe hätte ich so schwerbeladen das kleine Kaninchen übersehen, das am Wegrand saß. Doch als ich nur wenige Zentimeter von ihm entfernt vorbeiging, zuckte es zusammen, sodass ich es bemerkte. Schon auf den ersten Blick konnte man erkennen, dass es krank war, denn es hatte die Augen, die komplett zugeschwollen waren, geschlossen und die Haare fielen ihm an den Ohransätzen und an der Schnauze aus. Außerdem hoppelte es nicht weg, obwohl ich ihm wirklich nahe kam.

Mit den Paketen auf dem Arm fühlte ich mich aber handlungsunfähig und so ging ich trotzdem erstmal zur Post, wo mich aber schon ein irre schlechtes Gewissen einholte, weswegen ich danach direkt zurück zum Kaninchen lief. Auf dem Weg suchte ich bereits die Nummer der Wildtierstation heraus, in der Hoffnung dort könne man helfen.

Das Kaninchen hatte sich keinen Zentimeter bewegt als ich zurückkam. Ich wählte die Nummer und eine nette Dame ging an das Telefon. Sie hörte sich an, in welchem Zustand sich das Tier befand und stellte direkt die Diagnose: Eine Krankheit mit M, deren Namen ich vergessen habe, die wohl nur Kaninchen bekommen. Sie sagte, ich könne für das Kaninchen nichts mehr tun, es würde so oder so sterben, denn diese Krankheit verlaufe bei Kaninchen tödlich und mein gefundenes Tier wäre schon in einem sehr späten Stadium. Allerdings könne ich es einfangen und zum Arzt bringen, der es einschläfert, wodurch es nicht mehr leiden muss und sich andere Häschen nicht anstecken können. Sie bedankte sich herzlich bei mir, dass ich mich um das Tier kümmere, weil es nicht selbstverständlich wäre. Die meisten Menschen gingen einfach vorbei, sagte sie. Als ich auflegte, hatte ich Tränen in den Augen und war dem Weinen nahe.

Ich brauchte einen Pappkarton zum Transport, aber woher? Ich fühlte mich hilflos, wollte nicht zu weit weglaufen und begann in Kreise um den Fundort des Kaninchens zu laufen. Das kostete Zeit und ich wusste nicht, wieviel Zeit dem Tier noch blieb. Ein paar Straßen weiter fand ich einen Supermarkt, dort klaute ich einen Pappkarton, den ich mit Prospekten auslegte. In der Zwischenzeit waren einige Menschen am kranken Hasen vorbeigekommen, aber keiner hatte reagiert. Als ich nun versuchte das Tier einzufangen, hoppelte es langsam und fast blind, aber panisch davon und verschwand unter einem Auto. Mit den Füßen gelang es mir das Tier unter dem Auto hervorzuscheuchen, aber es war nicht so leicht zu fangen. Ein Mädchen, etwa in meinem Alter, kam vorbei und sah mich fragend an. Ich erklärte ihr, dass das Tier krank sei und dass ich schon den Tierarzt und die Wildtierstation angerufen hatte und dass ich es einzufangen versuchte um es zum Arzt zu bringen. „Vielleicht schaffen wir es zu zweit“, sagte sie. Und tatsächlich konnten wir das Kaninchen relativ schnell einfangen.

In der Nähe standen ein paar Mülltonnen, vielleicht hatte ein Obdachloser hier übernachtet. Auf jeden Fall lag eine Wolldecke auf dem Boden herum, die wir über den Karton legten um dem Tier Stress zu ersparen.

Der Tierarzt sah sich das Tier nur kurz an und stellte direkt dieselbe Diagnose wie die Frau am Telefon. „Wir werden ihm zuerst eine Narkose geben, dann bekommt es nichts mehr mit“, sagte er. Anscheinend hatte mein Fundkaninchen keinerlei Überlebenschancen mehr: „Die Krankheit ist nicht heilbar!“ Trotzdem wurde mir versichert, dass es das Beste für das Tier wäre.

Warum ich einen Artikel über diese Erfahrung schreibe?

Ich will nicht hören, dass es toll ist, was ich getan habe. Denn es war kein tolles Gefühl als ich das schlafende Kaninchen in der Praxis zum Sterben zurückließ. Ich wünschte ich hätte sagen können, ich hab das Tier gerettet, aber dessen bin ich mir angesichts seines Todes nicht sicher.

Ich will nicht, dass es „toll“ sein muss. Es sollte selbstverständlich sein, dass man sich kranken Lebewesen annimmt, egal ob Mensch oder Tier. Es hat mich schockiert und wütend gemacht, wieviele Menschen einfach an einem offensichtlich kranken Tier vorbei gehen können ohne zu helfen. Im Laufe der zwei Stunden, die ich mit dem Kaninchen beschäftigt war, hörte ich das von allen Seiten und bekam es auch selbst mit. Deswegen möchte ich euch und alle anderen bitten: Wenn ihr ein krankes Tier findet, dann versucht ihm zu helfen. Ruft die Wildtierstation an oder einen Tierarzt und fragt nach Rat. Bitte handelt nicht auf eigene Faust, damit könnt ihr dem Tier nur noch mehr schaden. Ihr helft damit nicht nur dem Tier selbst, sondern auch anderen Tieren, die sich eventuell anstecken könnten. Achtet ein wenig auf eure Umwelt und kümmert euch darum, bitte! Teilt diesen Beitrag auch gerne um dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu geben, denn es ist so wichtig. Wahrscheinlich ist dies sogar der wichtigste Blogbeitrag, den ich je geschrieben habe.

xoxo Ruth
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6 Comments

  • Danke für den tollen Beitrag Ruth. Bei uns gibt es auch viele Wildkaninchen und die Krankheit verbreitet sich total schnell. Ich helfe auch immer Tieren, wenn ich sie sehe, aber das liegt wohl auch daran, dass ich ein absoluter Tierfreund bin. Ich hoffe, dass dein Beitrag viele anderen zum Denken anregt. Ich finde es total toll, dass du über dieses Thema schreibst, denn viele klammern solche Themen aus. :-*

    viele liebe Grüße
    Melanie / http://www.goldzeitblog.blogspot.de

  • Das ist ein wunderbarer Beitrag mit einer unfassbar guten Message!
    Leider wird die Gesellschaft mittlerweile immer egoistischer. Man kann heutzutage froh sein, wenn wenigstens unseren Mitmenschen geholfen wird. Da grenzt deine Tat, einem kranken Tier geholfen zu haben, fast schon an ein Wunder…

    Cheerio.
    Sandy von http://www.ownblack.net

  • Ganz toller Beitrag! Es ist schön, dass es Menschen wie dich gibt. Das arme Kaninchen muss schreckliche Angst gehabt haben so allein am Wegesrand.

    Mir fällt der Name der Krankheit auch nicht mehr ein aber es scheint Kaninchenseuche zu sein, das is der deutsche Begriff dafür. Wird hauptsächlich durch Mücken und Fliegengetier übertragen. Mein Blacky idt vor vielen Jahren daran gestorben obwohl er geimpft war :(
    Es handelt sich dabei übrigens um eine von den Menschen erschaffene Krankheit, die zur Dezimierung der damaligen Kaninchenbevölkerung genutzt wurde ;-;

    Das Kaninchen ist jetzt an einem besseren Ort und auch wenn es dir schwer fiel es war die richtige Entscheidung es einschläfern zu lassen!
    Alles Liebe

  • So ein wichtiger Beitrag und ich kann mir vorstellen, wie du gefühlt hast. Es ist so unglaublich, wie anteillos die Menschen teilweise sind.
    Bei uns vor dem Haus ist vor ein paar Jahren ein älterer Herr gestürzt und er stand irgendwie unter Schock. Als meine Mami ihm dann helfen wollte, haben ihr die Nachbarn nur gesagt, dass er wahrscheinlich einfach betrunken sei und sind weiter gegangen. Wir fanden das damals unglaublich. Als der Notarzt kam, wurde sofort festgestellt, dass er nicht betrunken war, sondern eventuell eine Unterzuckerung hatte. Sein Fahrrad stand noch wochenlang bei uns am Haus und wurde nie wieder abgeholt. Aber vielleicht wurde dem Herrn nur das Fahrradfahren verboten und er brauchte es deshalb nicht mehr. Das haben wir uns jedenfalls so eingeredet.
    Ich bin eigentlich über deine schöne Jacke bei Esras Fashion-Battle gestolpert und hier gelandet, aber bei so einem Post musste ich einfach einen Kommentar dalassen. :)
    Schön, dass es Menschen wie dich gibt.
    LG von Charli

  • Ich muss ehrlich sagen, beim Lesen des Posts kamen mir schon ein paar Tränchen – danke, dass du versucht hast, dem Kaninchen zu helfen. <3 Es ist wirklich wichtig, dass man JEDEM Lebewesen die Aufmerksamkeit gibt, die es verdient. Vor allem wenn es in Not ist….du hast genau das richtige getan! Fühl dich gedrückt, das Kaninchen schaut jetzt sicherlich aus dem Hoppelhausen Himmel auf uns runter. :-)

    Liebe Grüße <3
    Clara

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