THOUGHTS | Gedanken zu G20 in Hamburg

Während in Berlin die Fashion Week auf Hochtouren lief und der Großteil der Modeblogger über Schuhe und Macarons berichtete, braute sich in Hamburg in der letzten Woche etwas ganz anderes zusammen: 20 Nationen schickten Staatschefs und Delegationen um in Hamburg über Klimawandel und die aktuelle Versorgungskrise zu diskutieren. Schon seit Monaten stand die Austragung des Gipfels in unserer Stadt in der Kritik: Hauptsächlich weil viele Hamburger befürchteten, dass sie durch G20 Probleme erhebliche Verzögerungen im Verkehr zu erwarten hätten. Der erste Bürgermeister Olaf Scholz sagte im Vorhinein: „Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist.“ Ein anderer Punkt waren natürlich die Themen des G20-Gipfels: Welthunger, Klimawandel, Korruption und Unterdrückung der Pressefreiheit.

Natürlich kam es anders und man dürfte jeden Hamburger, der den G20-Gipfel nicht mitbekommen hat, mit Recht als ignorant bezeichnen. Mein erstes Aufeinandertreffen mit G20 hatte ich am Mittwoch: Knapp 20.000 friedliche Demonstranten, denen ich bei meiner Verabredung im Schanzenviertel in die Arme lief. Die Menge war bunt und fröhlich und noch wusste keiner, was das Wochenende so bringen würde.

Am Donnerstag ging der Gipfel dann los und mit ihm ein riesengroßes Verkehrschaos. Gefühlt die Hälfte von Hamburgs Straßen war abgesperrt und auf der anderen Hälfte war Stau – gegen Abend machte ich dann mit einer Freundin wieder einen Abstecher auf die Sternschanze und dieses Mal sah es schon ganz anders aus. Während wir friedlich über das Schulterblatt spazierten, kam auf einmal Trubel auf. Eine Hundertschaft stürmte die Straße, auf der doch überhaupt nichts los gewesen war. Erschrocken über die plötzliche Endzeitstimmung zogen wir uns in einen Kiosk zurück und beobachteten die ungewohnte Szene aus der Entfernung. Was wir noch nicht wussten: Wenige Stunden zuvor war die angemeldete und eigentlich friedliche Demo „Welcome to Hell“ von der Polizei beendet worden und vollkommen ausgeartet – die Polizei hatte sich mit dem schwarzen Block eine wilde Hetzjagd und etliche Schlägereien geliefert. Einige restliche Demonstranten waren nun Richtung Sternschanze gelaufen um dort weiter zu demonstrieren. Kurze Zeit später fuhren Wasserwerfer auf und die Polizisten forderten die Demonstranten immer wieder, auch unter Einsatz der Wasserwerfer, auf die ohnehin abgesperrte Straße zu räumen. Viel mehr passierte an diesem Abend nicht mehr – auch nicht von Seiten der G20-Regierungen, die offensichtlich hauptsächlich zusammengekommen waren um ein paar Fotos zu machen.

Freitagmorgen entschied ich mich mit dem Fahrrad in die Innenstadt zu fahren, da ich ein paar Dinge einkaufen musste. Die Straßen waren komplett leer und ich sehr zufrieden – bis ich an der Alster entlang fahren wollte. „Hier geht es nicht weiter“, sagte ein Polizist, „sie können sich auch auf ein Bobbycar setzen, aber hier kommen Sie nicht durch.“ Später erfuhr ich, dass sich zu diesem Zeitpunkt einige Demonstranten für einen Sitzstreik vor Donald Trumps Unterkunft versammelten, der Sitzstreik wurde ebenfalls mit Wasserwerfern aufgelöst. Auch wieder ein friedlicher Protest mit massenhaft bunten Regenschirmen, die ich auf der Rückfahrt auf der Straße liegen sah. Ich fuhr also einen Umweg und kam in der leergefegten Stadt an: Jeder zweite Laden hatte geschlossen – zum Glück hatten die Läden, die ich besuchen wollte, geöffnet. Auf der Rückfahrt ging es dann wieder nicht weiter. „Sackgasse“, sagte ein Polizist in der Neustadt. Als ich ihn fragte, wie ich denn bitte nach Hause kommen sollte ohne einen 3km Umweg zu fahren, zuckte er nur die Schultern. Ich machte ihn doof an und es tat mir im nächsten Moment schon Leid, denn ihm machte es sicherlich auch keinen Spaß die ganze Wut der zu Umwegen gezwungenen Hamburgern abzubekommen. Und ich war schon nur mit dem Rad unterwegs – ich möchte mir nicht vorstellen wie es mit dem Auto gewesen sein muss.

Gegen Nachmittag traf ich mich mit einigen Freunden um wieder an einer Demo teilzunehmen. Wir machten uns auf den Weg in die Sternschanze, wo sich die Polizei und einige autonome Demonstranten bereits ein Katz- und Maus-Spiel lieferten. Über Stunden jagten sie sich über das Schulterblatt in den Flora-Park und zurück. Dabei wurden nicht nur Polizisten und Demonstranten mitgenommen, sondern zum Beispiel auch ein wehrloser Hippie, der auf einem Zaun saß, über den die Polizisten sprangen und dem ein wütender Polizist drei dicke absichtliche Tritte verpasste, obwohl er schon am Boden lag. Der Hippie humpelte davon und ich sah ihn auch später noch humpeln. Am frühen Abend schoß dann ein Polizist in Zivil 5m von uns entfernt in die Luft – er wollte einen Mann verteidigen, den er für einen Kollegen hielt. Wenn du 5m von dir jemanden mit einer Waffe schießen siehst, dann rennst du einfach nur. Zumal mir erst später gesagt wurde, dass es sich um einen Polizisten in Zivil handelte und ich aus Insider-Quellen wusste, dass der Polizei am Vorabend zwei Dienstwaffen abhanden gekommen waren. Die Stimmung war aufgeladen, aber nicht grundaggressiv und die Polizisten und die autonomen Demonstranten schienen Spaß an der Prügelei zu haben und Unbeteiligte wurden (größtenteils – abgesehen von wenigen Zwischenfällen) nicht behelligt.

Mit einem Freund ging ich für ein paar Stunden zur „Gay20“-Demon nach St. Pauli. Nach dem Zwischenfall mit dem schießenden Polizisten war uns doch etwas mulmig geworden und so waren wir ganz froh über die friedlich-tanzende Menge auf dem Spielbudenplatz. Als wir dann zurück zu unserer restlichen Gruppe wollten, brannte das Schanzenviertel schon: Überall giftig brennende Barrikaden und die ersten Läden waren bereits aufgebrochen und geplündert worden. Jemand rief: „Alles für alle!“ und es flogen Nic Nac’s durch die Luft. In der ganzen Straße war kein einziger Polizist zu sehen, während zur Reeperbahn hoch viele Polizisten untätig in ihren Einsatzwägen saßen. Es wurden mehr und mehr Läden geplündert und ein junger Mann lief mit einem iMac aus einem Technikladen an uns vorbei – ich bin sicher, er kam nicht weit. Einige Ladenbesitzer standen vor ihren eigenen Läden und verteidigten sie. Der „antikapitalistische“ Mob lief mit Adidas-Sneakern und Calvin Klein-Boxershorts laut singend an uns vorbei. Im verwüsteten Drogeriemarkt wurden spanische Paroli an die Wände gesprüht. Uns wurde es irgendwann zu viel, sodass wir uns auf den Heimweg machten. Kurze Zeit später wurde die Sternschanze von SEK-Einsatzkräften gestürmt.

 

Am nächsten Tag waren die Medien voll von den „erschreckenden Bildern“ der vorangegangen Nacht. Die linken Autonomen waren ganz eindeutig die Übeltäter. Dass die Polizisten vier Stunden lang tatenlos bei der Zerstörung eines ganzen Stadtteils zusah, wurde nicht erwähnt. Natürlich war es Taktik das linksautonome Viertel „Sternschanze“ von den autonomen Krawall-Touristen auseinander nehmen zu lassen. Das Schanzenviertel war einige Stunden lang ein rechtsfreier Raum und so zerstreute sich der Mob nicht über die Stadt und die (natürlich zweifelsohne erschreckenden) Taten waren berechenbar. Die linke Szene ist medial in große Ungnade gefallen. Wütende Aktivisten wollen die rote Flora abreißen. Auf meinem Blog schreibe ich nur sehr selten über Politik, denn ich möchte in dieser Hinsicht ungern beeinflussen, aber ich würde meine politische Meinung als linksliberal einordnen. Die Plünderer und Gewaltdemonstranten haben mit der linken Szene Hamburgs nichts zu tun gehabt – es handelte sich größtenteils um Krawall-Touristen auch aus anderen Ländern.

Dass der G20-Gipfel politisch ein Desaster war, wurde ebenfalls nirgendwo erwähnt.

Ein schönes Video zum Thema findet ihr hier. Ich möchte außerdem noch anmerken, dass ich hauptsächlich über Dinge schreibe, die ich selbst am Wochenende erlebt habe. Aus diesem Grund habe ich einige Dinge wie die „Welcome to Hell“-Demo, die angezündeten Autos von Privatleuten oder  auch die sehr schöne Aufräumaktion in der Sternschanze nicht oder nur am Rande erwähnt.

xoxo Ruth
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